Interview mit Rita Messmer

Hallo Rita, 

schön das Du Dir Zeit für uns und unsere Fragen nimmst. 

1) Stell Dich doch mal bitte vor. Wer bist Du? Was machst Du?

Ich bin die Urmutter der „Windelfrei“-Bewegung. Ich war die Erste, die gezeigt hat, dass Babys biologisch alle Anlagen zur frühen Reinlichkeit haben, und zwar vom ersten Tag an. Dann bin ich Autorin, Craniosacral-Therapeutin und Mutter von drei Kindern (um mal die wichtigsten Sachen zu nennen…)


2) Wie bist Du auf „hello nappy“ bzw. „Windelfrei“ gekommen?

Ich habe mit indigenen und traditionellen Kulturen Zeit verbracht – bei ihnen gelebt und viel beobachtet. Das hat mich geprägt und ich wollte es ihnen gleich tun. So bin ich mit meinen Kindern in „ihrem Stil“ verfahren. Ich habe beobachtet, dass Babys sehr kommunikativ sind und viel mitteilen, das ich offenbar sehr gut lesen konnte. So empfand ich Kinder zu haben als einen unglaublichen Segen, und es war äußerst spannend, so Vieles von ihnen zu lernen und zu erfahren. Ich dachte gar nicht viel dabei, es fügte sich fast wie von selbst. Und da spürte ich, dass sie mir ihre Bedürfnisse mitteilten u. a. eben das des Ausscheidens. Ich hielt sie ab, und siehe da, sie machten es – einfach so. Das gab ich dann in meinen Babymassagekursen an die Mütter weiter und forderte sie auf, es auch zu versuchen. Auch bei ihnen funktionierte es. Und so kam eines zum anderen. Bald wurde klar, dass es dafür auch ein bestimmtes Zeitfenster gibt. Und dann kamen über all die Jahre je länger desto mehr Erkenntnisse dazu…

 
3) Wenn Du „hello nappy“ in einem Satz beschreiben müsstest, wie würde er lauten?
 
„hello nappy“ ist der natürlichste Weg für dein Baby – abhalten plus Stoffwindeln.


4) Was genau bedeutet der Begriff „hello nappy“? Wie bist du auf diesen Begriff gekommen?

Der Begriff „Windelfrei“ stammt nicht von mir. Ich habe damals von „der frühen Reinlichkeit von Säuglingen“ (mangels eines anderen Begriffes) gesprochen – wie sollte ich es sonst nennen! Später, als andere das Thema aufgriffen, setzte sich der Name „Windelfrei“ durch. Ich habe diesen Begriff aus der Not übernommen, weil in den sozialen Medien nur noch von Windelfrei gesprochen wurde und die Eltern diesen Begriff bei mir, der Urmutter der Bewegung, gar nicht fanden. Aber ich selber war nie ganz glücklich damit, denn für mich stimmte diese Bezeichnung einfach nicht. Es ging mir nie darum, ganz auf Windeln zu verzichten. Ich wollte den Eltern lediglich die biologischen Anlagen ihrer Babys zeigen. Ich merkte auch, dass viele Eltern Angst davor hatten oder sich wie ein Druck aufbaute, es möglichst ohne Windeln schaffen zu müssen. Schon wieder dieser Leistungsdruck – und unglaublich viele Theorien drum herum. Das widerstrebte mir. Ich wollte es wieder einfach machen … zeigen, es ist gar nicht schwer, sehr natürlich und einfach schön! Da kam mir „hello nappy“, der natürlichste Weg für dein Baby, als ein klangvolles Synonym entgegen.


5) Warum ist „hello nappy“ so wichtig?

Essen und Ausscheiden sind die elementarsten Dinge in der Biologie. Essen stellt niemand in Frage. Mit den Ausscheidungen tun wir uns (die Industrienationen) sehr sehr schwer. Dabei gehören beide ganz einfach zusammen. Die berühmt-berüchtigen 3-Monatskoliken müssten nicht sein. Babys die abgehalten werden, haben keine Koliken. Die Kontrolle über unsere Ausscheidungen zu haben, ist für uns eines der wichtigsten Bedürfnisse! Nichts beschämt uns mehr, als wenn wir diese nicht mehr haben. Dies hat auch viel mit Würde zu tun. Unsere Babys und Kinder in diesem wichtigen Entwicklungsschritt richtig zu begleiten, damit, was bei ihnen biologisch angelegt ist, sich richtig entwickeln und entfalten kann, das ist „hello nappy“. Die Eltern werden erkennen, es ist nicht Aufwand, sondern beglückend, es macht Spaß und Freude, den dankbaren Blick des Kindes zu sehen und zu erkennen, dass ihr Nachwuchs selbst die Kontrolle über ihre Ausscheidungen haben – das hat alles sehr viel mit Wohlgefühl, (Be)Achtung und Würde und nicht zuletzt mit einer sicheren Bindung zu tun – denn Babys wollen abgehalten werden. Wenn wir uns bewusstmachen, dass es zu den schlimmsten Foltermethoden gehört, die Menschen in ihren Ausscheidungen zu lassen … warum denkt da niemand darüber nach???

6) Was hat „hello nappy“ mit einer gesunden Entwicklung von Babys zu tun?

Ohhh, die Liste wäre ellenlang. Aber kein wunder Po, keine Blasenentzündungen durch Stuhl in der Windel, keine verstopften, keine inkontinenten Kinder, keine Bettnässer, kein Stress wegen all diesen Leiden, die das bei vielen Eltern mit sich bringt. Und was fast noch schlimmer als die somatischen Leiden zählt, sind die psychischen Folgen daraus: Sie belasten nicht nur das Kind, sondern oft die ganze Familie. Letztlich ist „hello nappy“ in jeder Beziehung ein Gewinn: Weniger Aufwand, „hello nappy ist Kommunikation, sich verstanden fühlen. Damit verbindet sich ein Wohlgefühl, Oxytocin unser Bindungshormon wird ausgeschieden, Vertrauen stellt sich ein und so sind Babys allgemein entspannter und ruhiger. Mit all dem Positiven haben wir obendrein eine viel geringere finanzielle Belastung und tun gleichzeitig viel für die Umwelt mit bedeutend weniger Abfall. Win-win in jeder Beziehung!


7) Was möchtest Du „unseren“ Eltern noch unbedingt sagen?

Werft all eure Bedenken und all das, was ihr über dieses Thema bis jetzt gehört habt, über Bord. Wir müssen dieses Thema neu denken, neu (er)finden. Babys können sehr viel mehr. Sie sind unser wertvollstes Gut – sie sind unsere Zukunft. Machen wir sie stark für diese Welt und nicht abhängig von Wegwerfwindeln und einer Industrie, die nicht ihr Wohl, aber ihr Geld will. Eure Kinder werden es euch danken!

 

 

Vielen Dank Rita, dass Du uns so viel von Dir und „hello nappy“ erzählst!